Weihnachten, das ist die Zeit, in der Kinderaugen einen eigenartigen Glanz bekommen, und die Erwachsenen wieder zu Kindern werden . Trotz aller Geschäftigkeit unserer Zeit werden wir irgendwie ruhiger, die Seele wird aufgeschlossener für die Gefühle. Vielleicht erinnert sich so mancher an eine Geschichte die er irgendwann einmal gelesen hat. An so eine Weihnachtsgeschichte erinnere ich mich heute und möchte sie auch Dir lieber Tierfreund erzählen. Geschrieben hat sie ein tierliebender Franzose namens A.R. de Normac.
Frei übersetzt von R.S. 

DER PORZELLANCOLLIE 
 

Wieder einmal ist jener wunderbare Abend herangekommen, den die Menschen Weihnachtsabend nennen. Ich sitze im Wohnzimmer und lasse meine Augen über die mir wohlvertrauten Möbel schweifen. Ich bin, das muss ich gleich zu Beginn dieser Geschicht sagen, ich bin der Porzellancollie des Hauses. Ja, Du hast schon richtig gelesen; ich kann sehen und hören, ich kann denken, aber ich bin unbeweglich, ich bin aus Porzellan. Ihr werdet fragen; wie ist so etwas möglich ? Nun, da heute der schönste Abend des ganzen Jahres gekommen ist, darf ich Euch mein Geheimnis anvertrauen.
Es war vor vielen, vielen Jahren, zu einer Zeit, wo niemand von Euch allen, die Ihr diese Geschichte lest, auf der Welt war. Damals war ich ein grosser, starker und schöner Collie Ich lebte glücklich und zufrieden bei meinen Menschenfreunden. Alle liebten mich sehr und verwöhnten mich, besonders die Kinder der Familie. Mein Leben verlief so ruhig und friedlich, dass ich gar nicht merkte, wie ich inmitten der Liebe aller allmählich alterte.
An einem schönen Sonntag machten wir alle einen Ausflug zu einem in der Nähe gelegenen See. Wir alle stiegen in ein kleines Boot, und, Du weisst ja selber, wie Kinder nun einmal sind, sie können einfach nie ruhig bleiben. So geschah, was eben kommen musste: Das Boot kippte plötzlich um, und wir lagen alle im Wasser. Ausser meinem Herrerl konnte niemand schwimmen, ich natürlich ausgenommen. Ich ergriff den kleinen Sohn und brachte ihn in Sicherheit. Da sah ich, wie mein liebes Frauerl ohnmächtig wurde und unterzugehen drohte. Ich schwamm, so rasch ich nur konnte, zu ihr hin, konnte sie tatsächlich in letzter Sekunde fassen und zog sie mit meiner letzten Kraft ans Ufer. In der Zwischenzeit hatte auch mein Herrerl seine kleine Tochter gerettet. Wir lagen, alle gerettet, völlig erschöpft am Ufer des Sees. Und da geschah etwas Seltsames. Mein altes Herz, von der grossen Anstrengung übermüdet, blieb plötzlich stehen und ich hörte auf zu leben.
Ich weiss, dass Du, lieber Leser, ein tierliebender Mensch bist. Sei nicht traurig, meine wunderbare Geschichte beginnt eigentlich erst jetzt.
Als ich meine Augen wieder öffnete, ganz erstaunt darüber, dass ich noch lebte, stand vor mir Epona. Du weisst sicher, dass Epona schon in der alten keltischen Mythologie die Göttin aller Tiere war. Sie ist die Herrin unseres Paradieses. Als sie mich sah, sagte sie zu mir: "Was du getan hast, lieber Collie, verdient, in das goldene Buch der braven Tiere eingetragen zu werden. Dafür sollst du auf ewige Zeiten in unserem Paradies glücklich sein." – Als ich diese Worte hörte, wurde ich sehr betrübt. – "Wie?" fragte mich Epona, "du bist nicht glücklich? Schau dich doch um . Hier findest du alles, was dein Herz begehrt: die besten Speisen, grosse Wiesen und Wälder, unzählige treue Freunde. Vergiss doch das Erdenleben, wo es so viel Leid und oft auch Undankbarkeit gibt."
Aber ich konnte meine lieben Menschenfreunde einfach nicht vergessen und musste bitterlich weinen. Da hörte ich wie aus weiter Ferne durch einen Schleier voller Trauer die Worte Eponas: "Ich weiss, was du gerne möchtest; aber du musst verstehen, dass es auch hier im Paradiese Gesetze gibt. Eine Rückkehr auf die Erde ist so gut wie unmöglich."
Lange verharrte die Göttin in tiefen Schweigen . Nur das Schluchzen des traurigen Tieres war zu hören.
Nach einer ganzen Ewigkeit vernahm ich den Spruch Eponas. "Höre meine Entscheidung! Es gibt wohl eine einzige Möglichkeit, dich wieder auf die Erde zu schicken, aber überlege gut! Hüpfe nicht gleich vor Freude, denn , höre, deine Entscheidung kann nie mehr rückgängig gemacht werden, auf ewig nicht!- Ich darf dich, weil du so tapfer warst, in ein steinernes Tier verwandeln. Du würdest im Laden eines Antiquitätengeschäftes wieder aufwachen, und ich könnte die Schritte deines Herrn zu diesem Geschäft hinlenken. Denn wisse, er ist über deinen plötzlichen Tod überaus betrübt. Er würde dich sehen, kaufen und mit nach Hause nehmen, wo du einen Ehrenplatz im ‚Wohnzimmer der Familie bekommen würdest. Aber ich sage dir noch einmal, du darfst zwar weiterleben, wirst aber nie wieder über grüne Wiesen tollen, du musst auf ewig deine steinerne Gestalt behalten. – Nun, überlege gut, ob du dieses glückliche Dasein in unserem Paradies für ein steinernes Leben auf Erden hergeben möchtest."
Ohne viel zu überlegen, rief ich : " Ja, das will ich gerne. Wenn ich nur wieder bei meinen Menschenfreunden sein darf!"
Da strich Epona mit einer Geste unendlicher Zärtlichkeit über mein Fell und meinte:" Wie sehr musst du doch die Menschen lieben! Gewiss, die Liebe zu den Menschen ist typisch für deine Art, aber du willst dich und dein Glück ein zweites Mal für deine Freunde opfern!"
Und nach einer schier endlosen Pause fuhr sie fort: " Für deine beispielhafte Treue soll dir auch eine kleine Freude gewährt werden! Einmal im Jahr, und zwar in der Weihnachtsnacht, jene Nacht der Liebe unter allen Lebewesen, sollst du, zwei Stunden lang, das Tier wieder sein dürfen, das du einstens warst. Nach dieser Zeitspanne musst du wieder deine unbewegliche Gestalt annehmen!
Das ist nun meine Geschicht, Ihr kleinen und grossen Leser. Und seit jener Zeit sitze ich als Porzellancollie im Wohnzimmer. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Ich habe mehrere Generationen meiner Menschenfamilie kommen und gehen sehen, ich habe sie alle geliebt. Ich habe mich mit Ihnen gefreut, wenn sie glücklich waren, und ich habe bittere Tränen geweint, wenn Unglück Gast des Hauses war.
Ich habe versucht, trotz meiner Porzellangestalt, sie durch meine Gegenwart zu erfreuen. Alle haben ihre Hände auf meinen Kopf gelegt, und ich glaube, alle haben auch mich geliebt, ohne von meinem Geheimnis etwas zu ahnen. Wie oft wurde ich den Freunden des Hauses vorgestellt .Und Du kannst Dir denken, mit welchen Stolz ich die Worte hörte: "Das ist das Ebenbild jenes Collies, der einst unseren Urururgrossvater und die ganze Familie gerettet hat."
Ich habe meinen Entschluss nie bereut .Nur warte ich, wie du wohl verstehen wirst, jedesmal mit grösster Ungeduld auf jenen Abend, der mir erlaubt, wieder ganz nahe bei meinen Freunden zu sein. Dann, wenn die Lichter verloschen sind und alle mit friedlichem Lächeln vom Glück der Heiligen Nacht träumen, dann gehe ich auf leisen Pfoten durch die mir inzwischen so vertraut gewordenen Räume, sehe die Kinder friedlich schlafen und erlebe ein Glück, von dem ich dann ein ganzes Jahr lang träume............
Der Weihnachtsabend ist wieder einmal vorbei, und die Sonne sendet ihre goldenen Strahlen auf eine wunderschöne Winterlandschaft nieder. Die Familie hat sich um den Frühstückstisch versammelt. Da hört man mit einem Male die Stimme der kleinen Tochter:" Weisst du, Papa, heute habe ich von unserem Collie geträumt. Ich habe ihn deutlich vor mir gesehen. Und hier auf der Wange spüre ich jetzt noch seine sanfte Zunge." Die Mutter lächelt:" Du hast geträumt, mein Kleines, wie kann denn ein Porzellantier im Haus herumgehen?" Der Vater aber schaut lange Zeit , sehr nachdenklich, seine Tochter an, dann das Tier aus Porzellan und denkt leise bei sich: "Seltsam, als ich ein kleiner Junge war, hatte ich in einer Weihnachtsnacht den gleichen Traum."

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